Heuneburg: Frühkeltischer Fürstensitz und Handelszentrum


Heuneburg: Frühkeltischer Fürstensitz und Handelszentrum
Heuneburg: Frühkeltischer Fürstensitz und Handelszentrum
 
Was erhebt eine frühkeltische Siedlung für den Archäologen in den Rang eines Fürstensitzes? An erster Stelle sind hier die Befestigungsanlagen zu nennen, durch die sich eine solche Zentralsiedlung von den sehr viel häufigeren offenen Siedlungen dörflichen Charakters unterscheidet. Charakteristisch ist ferner das Vorkommen importierter Güter aus dem Mittelmeerraum, deren Besitz allem Anschein nach einer gesellschaftlichen Oberschicht vorbehalten war. An dritter Stelle steht schließlich die geographische Nähe von Prunkgräbern der späten Hallstattzeit, die zumeist in auffälliger Häufung begegnen und offenbar stets in der Umgebung des Wohnsitzes des oder der Verstorbenen angelegt wurden. Allerdings lassen sich Siedlungen in solch exponierter Lage keineswegs immer archäologisch nachweisen. So verdankt zum Beispiel der Hohenasperg seinen Ruf als Standort eines frühkeltischen Fürstensitzes in erster Linie seiner imposanten topographischen Erscheinung im Verein mit den zahlreichen Fürstengräbern in seiner näheren und weiteren Umgebung. Ausgrabungen auf dem Berg selbst konnten wegen der umfangreichen mittelalterlichen und neuzeitlichen Überbauung bislang nicht vorgenommen werden. Ebenso beruht die Annahme eines Fürstensitzes auf dem Schlossberg von Gray an der oberen Saône in erster Linie auf der Entdeckung mehrerer Großgrabhügel in der Umgebung von Gray sowie auf der herausgehobenen topographischen Lage des Bergs an einem wichtigen Saône-Übergang. Auch hier konnte eine frühkeltische Siedlung wegen späterer Überbauung bisher nicht nachgewiesen werden.
 
Ein ebenso eindeutiges wie eindrucksvolles Bild bietet demgegenüber die zwischen den Orten Hundersingen und Binzwangen an der oberen Donau gelegene Heuneburg. Bereits 1921 waren hier bei ersten Grabungen die Spuren einer Siedlung der späten Hallstattzeit entdeckt worden. Die Vermutung früherer Ausgräber, dass hier die Erbauer der benachbarten Großgrabhügel gelebt hätten, war damit zur Gewissheit geworden. 1950 begann eine groß angelegte planmäßige Ausgrabung der Heuneburg, die 1977 einen vorläufigen Abschluss fand. Infolge dieser umfangreichen archäologischen Untersuchungen kann die Heuneburg heute als die am besten erforschte Anlage ihrer Art gelten. Ihre Geschichte lässt sich anhand der Bodenfunde von der Bronzezeit bis ins frühe Mittelalter verfolgen, wobei die Zeit der keltischen Besiedelung vom Beginn des 6. bis gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. allem Anschein nach einen glanzvollen Höhepunkt darstellte.
 
Die künstlich planierte Wohnfläche der Heuneburg bildet ungefähr ein Dreieck von 300 m Länge und 150 m Breite. Die frühkeltische Burganlage hatte man bei ihrer Gründung nach einheimischer Tradition mit einer Holz-Erde-Mauer befestigt, jedoch schon im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. in höchst ungewöhnlicher Weise von Grund auf umgestaltet. Zu dieser Zeit erbaute man nämlich nach dem Vorbild griechischer Stadtumwehrungen auf einem aus Kalksteinblöcken gefügten Unterbau eine 3-4 m hohe Mauer aus luftgetrockneten Lehmziegeln. Mehrere Tausend Kubikmeter Quadergestein wurden dafür aus einem 6 km entfernten Kalksteinbruch herbeigeschafft. Zwei Tore öffneten den Mauerring, der durch mindestens zehn vorspringende Türme zusätzlich befestigt war. Obschon sich diese Anlage wohl über ein halbes Jahrhundert bewährte, wurde die Lehmziegelmauer nach einem verheerenden Brand gegen Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. aus uns unbekannten Gründen geschleift, wobei man der Heuneburg durch die Errichtung einer Holz-Erde-Mauer ihr ursprüngliches mitteleuropäisches Aussehen wiedergab.
 
Ebenso wie die Anlage der Außenbefestigung folgte auch die Bebauung des Burginnern einem genauen Plan. Die einzelnen Gebäude waren durch kleine Gassen voneinander getrennt, wobei umlaufende Traufgräben das Regenwasser teils in Zisternen sammelten, teils unter der Mauer hindurch ins Freie leiteten. Sowohl kleine Häuser mit wenigen Räumen als auch große Gehöfte und mehrschiffige Hallenhäuser waren ganz aus Holz gebaut. Archäologisch nachweisbar ist jedoch vor allem die Fundamentierung, während über die Konstruktion des Oberbaus (Fenster, Türen und Dächer) kaum etwas bekannt ist. In der Südostecke der Burg befand sich vermutlich das Handwerkerviertel, wie man aus der großen Menge der Eisen- und Bronzeabfälle, zerschlagenen Gussformen und Gusstiegeln sowie aus entsprechenden Einbauten in den Häusern geschlossen hat. Dagegen fand man im Norden der Burg Häuser, die anstelle des üblichen Lehmestrichs einen Plattenfußboden aus sauber gefugten Lehmziegeln besaßen, sodass hier die Wohnungen der Oberschicht, vielleicht auch ein Kultbau und eine Versammlungsstätte, gelegen haben könnten.
 
Ihre Macht und ihren Einfluss verdankten die Herren der Heuneburg zum einen dem Abbau von Rohstoffen wie Eisenerz und Ton sowie der landwirtschaftlichen Produktion, zum anderen der Kontrolle bedeutender Fernhandelsrouten, die entlang der Donau nach Osten, über die Täler der Wutach und des Hochrheins nach Westen sowie über den Hegau und das schweizerische Mittelland über die Alpenpässe nach Italien führten. Eine beredte Sprache sprechen hier nicht nur die mediterranen Einflüsse bei der Errichtung der Wehranlage, sondern auch die zahlreichen Funde importierter Keramik aus Südfrankreich, Italien und Griechenland. Was zum Ausgang des 5. Jahrhunderts v. Chr. zum gewaltsamen Ende der Heuneburg führte, ist bis heute unbekannt. Die mehr oder weniger gleichzeitige Zerstörung vieler anderer Fürstensitze des westlichen Hallstattkreises lässt jedoch darauf schließen, dass ihr Untergang im Zusammenhang mit tief greifenden sozialen und machtpolitischen Umwälzungen steht. Wohl kaum zufällig berichtet die antike Geschichtsschreibung bald darauf von weiträumigen Wanderungen keltischer Stämme über die Alpen nach Oberitalien und donauabwärts bis nach Griechenland. In der Auseinandersetzung mit den Kulturen des Mittelmeerraums, welche die intensiven Handelskontakte der späten Hallstattzeit bereits angebahnt hatten, vollzog sich nicht zuletzt auch die Schöpfung einer ebenso eigenständigen wie eigenwilligen keltischen Kunst.
 
Dr. Bernhard Maier
 
 
Birkhan, Helmut: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur.Wien 1997.
 Duval, Paul-Marie: Die Kelten. Aus dem Französischen. München 1978.
 Lessing, Erich und Kruta, Venceslas: Die Kelten. Entwicklung und Geschichte einer europäischen Kultur in Bildern. Freiburg im Breisgau 1979.
 Spindler, Konrad: Die frühen Kelten. Stuttgart 21991.

Universal-Lexikon. 2012.

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